Der Bauer Pitter Dietz lebte mit niemandem in Frieden, nicht einmal mit sich selbst. Mürrisch und verdrossen hockte er auf seinem Geld, dessen Vermehrung ihm die einzige ernstzunehmende Lebensaufgabe dünkte.

 

Seine Unterhaltung bildeten die zahlreichen, um geringste Kleinigkeiten geführten Prozesse mit den Nachbarn. Die Knechte auf dem Hofe wechselten zum mindesten an Neujahr ihre Plätze. Nur die alte Magd Käth hatte schon seit Jahren in stoischer Ruhe den unfreundlichen Arbeitgeber ertragen. Jetzt war auch ihre Geduld zu Ende; sie hatte zum nächsten Jahreswechsel gekündigt. Begreiflicherweise blieb Pitters Suche nach einer neuen Magd in der näheren und weiteren Umgebung seines Heimatortes ohne Erfolg. In der Not kam ihm der nicht mehr ganz originelle Gedanke, sich durch Heirat eine billige Kraft zu besorgen. Pitter war der durch nichts gerechtfertigten Ansicht, daß sich sämtliche Mädchen trotz seiner 50 Jahre nach ihm die Finger lecken müßten. Seine ersten Anbiederungsversuche schlugen völlig fehl. Erst als er sein Jagdrevier in den fernen Islek verlegte, schien er Erfolg zu haben.

 

Auf der Kirmes bei entfernten Verwandten lernte er die ebenso fleißige wie bescheidene Magd Luzia kennen. Das Mädchen zeigte sich von erzogener Freundlichkeit, die Pitter in arger Selbsttäuschung mit Zuneigung verwechselte. Bevor er jedoch ein ernstes Wort mit dem Mädchen sprach, setzte er sich daheim an den großen Tisch in der Stubenecke, befeuchtete den Blaustift sorgsam mit den Lippen und schrieb mit gewichtigen Buchstaben auf vergilbtes Papier diesen bemerkenswerten Brief an den Pastor des Islekdorfes: "Hochwürdiger Herr Pastor! - Weil ich die Absicht habe, in den heiligen Stand der Ehe zu treten, wende ich mich mit einer Vertrauensfrage an Euer Hochwürden. Die Dienstmagd Luzia Bormisch aus Ihrer Pfarrei, 27 Jahre alt und ohne Anhang, gedenke ich zu ehelichen. Ich möchte keine Katze im Sack kaufen. Deshalb bitte ich um Auskunft, ob die besagte Luzia fleißig, haushälterisch, auch sonst tugendsam und von gutem Leumund ist. Die Antwort senden Sie bitte an Herrn Eduard Müller, Trier, hauptpostlagernd. Achtungsvoll (Unterschrift unleserlich)".

 

Pfarrer Hettmann stieg die Zornröte ins Gesicht, als er diesen Brief las. "Dieser Lümmel", brummte er vor sich hin, und ohne des Pitters Gedankengänge zu erkennen, schätzte er aus langer seelsorgerischer Arbeit den Charakter des Schreibers völlig richtig ein.

 

Vollends ging ihm ein Licht auf, als er in vorsichtiger Umfrage bei Luz und ihren Dienstleuten ein Bild des mutmaßlichen Schreibers erhielt. Er gab nunmehr seine Absicht, den Brief ohne Antwort zu lassen, auf und schrieb diese aufschlußreichen Zeilen:

 

"Sehr geehrter Herr! - Sie haben gut daran getan, sich bei mir über den Leumund der Luzia Bormisch zu erkundigen. Ich habe Luzia stets als ein vorbildliches Pfarrkind, arbeitsame Magd und tugendsame Jungfrau geschätzt. Die Erkundigungen, die ich auf Ihre Anfrage hin eingezogen habe, haben mich um so schmerzlicher berührt. Wie mir mehrfach und von verläßlicher Seite mitgeteilt wurde, ist die Luzia anläßlich der letzten Kirmes mit einem älteren Mann höchst zweifelhaften Charakters gesehen worden. Dieser Mann ist mir nicht persönlich bekannt, doch wird er als erbarmungslos geizig, habgierig wie ein Räuber, ungesellig bis zur Verschrobenheit und mit noch manchen anderen Untugenden behaftet geschildert. Es ist mir völlig unverständlich, wie die Luzia sich diesem Menschen anvertrauen konnte. Ich bedauere, Ihnen diese Auskunft geben zu müssen, doch halte ich es für notwendig, Ihnen schonungslos die Wahrheit zu sagen. - Mit Gruß Gott Pfarrer Hettmann."

 

Die Hochzeit fand nicht statt.

 

(c) 1966 - Hans Theis, Neuerburg