Sagen / Geschichten

Dem Dorfe Hüttingen gegenüber auf der rechten Kyllseite liegt eine tief eingeschnittene Schlucht, die "Doofenbachgraben" genannt wird. Oben, fast auf gleicher Höhe mit der Mötscher Flur, steht als Abschluß des Grabens ein breiter, mehrere Meter hoher Kalksteinquader.

wichtelmaennchen huettingenSeine obere Fläche ist eben und glatt und sieht so einem Tanzboden ähnlich. Der Volksmund nennt den Felsen "Tanzley".

Wie die Sage zu berichten weiß, tanzten einst hier in mondhellen Nächten die Wichtelmännchen ihre lustigen Reigen. Bis ins Dorf hinein erscholl dann ihr fröhliches Treiben. Wenn aber der Tag graute, hörten die Männlein zu tanzen auf und verkrochen sich in eine Höhle in der Nähe der Tanzley. Diese Höhle trug den Namen "Bumbes Kellerchen". Manchmal, wenn der Winter gar zu hart war, kamen die Männchen matt und abgezehrt ins Dorf und bettelten um Gaben. Die Leute waren gut zu ihnen, ließen die niedlichen Kerlchen gern herein in die Stube zum wärmenden Ofen, reichten ihnen ein warmes Süppchen und schenkten ihnen manches Stückchen Brot. Die Wichtelchen freuten sich über die erwiesenen Wohltaten und fanden nicht genug der Dankesworte. Mit allerlei guten Wünschen für ihre Helfer verließen sie dann das Dorf und kehrten frohen Mutes in ihre Felsenhöhle zurück.

Einmal herrschte ein besonders strenger Winter. Die Kyll war zu Eis erstarrt, und hoher Schnee bedeckte Berg und Tal. Da mußten die armen Wichtelchen in ihrer Bergwohnung frieren und hungern. Und so machten sie sich eines Tages auf, um wiederum an den Türen der Dorfbewohner um Wärme und Brot zu bitten.
Scheu pochten sie mit ihren starren Fäustchen an die Tür des ersten Hauses. Da wurde die Tür von innen hastig aufgerissen, und laut scheltend stand der Bauer vor ihnen und fuhr sie an: "Schert euch fort, faules Bettelvolk! Hier gibt es nichts, wie haben selber nichts zu beißen! Im Sommer tanzt ihr dort oben auf der Tanzley und im Winter kommt ihr zu uns betteln! Das gefällt euch wohl! Sputet euch, sonst hetze ich euch meinen Hund an den Kragen!“ Die armen Männlein erschraken so sehr über die harten Worte des Mannes, daß sie kein Wort zu ihrer Verteidigung finden konnten. Sie wagten auch nicht, zum nächsten Hause zu gehen, wo sie vielleicht gute Menschen gefunden hätten. Sie waren über die Maßen verzagt und mutlos. Jammernd eilten sie zur Kyll, rutschten mühsam über das Eis und wateten keuchend durch den hohen Schnee den Berg hinan zu ihrer Höhle. In derselben Nacht aber hörten viele Leute im Dorf ein lautes Klagen von der Tanzley her, das immer schwächer wurde und schließlich ganz verstummte.

Seit diesem Tage hat man von den Wichtelmännchen nichts mehr gehört und gesehen. Ihre Höhle ist zerfallen. Sie sind verschwunden und niemand weiß, wohin sie gegangen sind.

© Hans Theis, Neuerburg